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Samstag, 8. August 2015

Theaterbesuch





Theaterbesuch
Der Ehemann schaut
auf ihre Beine




(Theater / The husband looks / at her legs)

Claudius Gottstein 


 
(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Im Theater

Hoch oben auf dem letzten Platz
Sitzt so ein süßer, blonder Fratz
Und schnuckerl Schokolade.
Und neben ihr ein Jüngeling
Mit einem dicken Siegelring,
Der duftet nach Pomade.

Das Stück ist wirklich wunderschön,
Zwei Leichen gab es schon zu seh'n,
Noch drei sind zu erwarten;
Und in der Pause knuspert man
Und kann in voller Ruhe dann
Die Leute rings betrachten.

Die Reichen da im ersten Rang ....
Ach wer da säße mittenmang
Und könnt' Brillanten tragen!
Doch die da oben rund herum,
Die sind nur nied'res Publikum
Und ihnen knurrt der Magen.

Jetzt Achtung! Es soll weitergeh'n,
Der König kommt. »Ach, ist der schön!"
Ruft laut die blonde Kleine.
„Der blaue Samt, so steh doch nur ....
Und diese herrliche Figur ....
Und Himmel! was für Beine!" —

Die Königin gefällt ihr nicht,
Sie ist zwar niedlich von Gesicht,
Doch eine Erzkokette.
Entzückend aber, das ist wahr,
Hellgrün, und oben reichlich klar,
Ist ihre Toilette.

Der König geht, jetzt kommt der Graf;
Er findet sie in tiefem Schlaf
Auf rotem Diwan liegen. —
Der Kleinen wird es bang und warm,
Fest drückt der Jüngling ihren Arm,
Die Spannung ist gestiegen. - -

Zu Ende! „Schon!? Das ist 'ne Schand',
Nun wurd's ja gerade int'ressant!
Ach nein, das ist zu schade!" - -
Hoch oben, wo es eng und schwül,
Drängt sich ein Pärchen durchs Gewühl,
Das duftet nach Pomade. —

Ein letzter Blick. „Zu schön war das!
Mein Taschentuch ist patschenass,
Da kriegt man mal Gefühle .....
Ach fein, so himmlisch schauerlich....
Von jetzt ab, weißt Du, gehe ich
Nur noch in Trauerspiele." —

Josefa Metz (1871-1943)
Aus der Sammlung Leichte Leute