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Mittwoch, 28. Februar 2018

wir fallen leise





wir fallen leise
sanfter und stiller noch
als der flaum aus schnee






(we fall softly / more gently and silently / than  the fluff of snow)

Birgit Schaldach-Helmlechner




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Schneeflocken

Verwehender Flaum, von den Lüften gewiegt!
Du Stäubchen des Wassers, crystallen gefügt;
Im Augenblick hell, wie der Taube Gewand, —
Im Augenblick trübe zerflossen im Sand.

Ich denke der Tage vom Anfang der Welt:
So schwebten sie nieder vom himmlischen Zelt,
So wiegten sie sich in den Lüften umher; —
Sie kamen und gingen, und glänzen nicht mehr.

Ich denke der Stunden; sie strömten heran,
Sie wirbelten eilig auf luftiger Bahn. —
Was that ich, was hielt ich so heilig und groß,
Daß nicht gleich der Flocke die Zeit mir zerfloß?

Ich denke der Seelen; sie schweben dahin
Im Kreise der Zeiten, — sie kommen, sie flieh'n,
Zerschmilz nur, mein Leben, doch walle zur Höh'
Zum Meere des Lebens, zur ewigen See!

Albert Knapp (1798-1864)
Aus der Sammlung Neuere Gedichte




Dienstag, 27. Februar 2018

Morgens im Zwielicht





Morgens im Zwielicht
sammeln sich heimlich
meine Dämonen






(In the morning twilight / secretly gathering / my demons)

Petra Klingl




(Übersetzung: Horst Ludwig / Silvia Kempen)
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Foto: © Andreas Hermsdorf / pixelio.de




Montag, 26. Februar 2018

Schneesturm






Schneesturm …
wir stechen die Zeit
aus dem Teig*





(snowstorm / we cut out time / from the dough)

 Simone K. Busch




*(Erstveröffentlichung: Sommergras 95, 12/2011)
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Schneesturm

Es wühlte dumpf ums Haus zur Nacht
im Hag der Föhren,
was lang zu tiefem Schlaf gebracht
heraufzustören -;
bis schauernd sich zur Ruh gerauscht
die schweren Aste,

und sich mein Ohr, so müd gelauscht,
ins Kissen preßte.
Daß nur wie feiner Spindelsang
von seidenen Fäden
das Bangen in mein Träumen drang
durch dichte Läden;
und erst beim Funkel-Frühgeleucht
viel eisiger Zapfen
es sich im weißen Park verschleicht
in weichen Tapfen.

Joachim Winterfeld von Damerow (1873-1934)
 
 
 
 

Sonntag, 25. Februar 2018

Viel kälter als Schnee





Viel kälter als Schnee
fühl' ich den Schein des Mondes
auf dem ergrauten Haar!*




(Much colder than snow / I feel the light of the moon / on the gray hair!)

Jōsō (1662-1704)




*(Aus: Ihr gelben Chrysanthemen, Walther Scheuermann Verlag, Wien, Seite 76)
(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Rainbow-Picture-Produktions / pixelio.de




Samstag, 24. Februar 2018

Schneenacht




Schneenacht -
einst waren wir uns nah*




(Snow night - / once we were close to each other)
Gerda Förster




*(Erstveröffentlichung: Haiku heute, Ausgabe Dezember 2013)
(Übersetzung: Horst Ludwig / Silvia Kempen)

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Schneenacht

Als alles schlief
In letzter Nacht, der Morgen war schon nah,
Lag sie vor mir, die Stadt, so tief
Verhüllt in weiße Schleier da.

Im Stundenkranz,
Der um des Tages Sarg sich wand,
Schneeenglein schwebten froh im Tanz
Vom Himmel abwärts übers Land.

Sie streiften ab
Beim Reigen ihr schlohweißes Kleid,
Das auf die Erde fiel herab,
Umhüllend alles weit und breit.

Wo Tags vorher,
Als noch der Essenwald geraucht,
Das ungeheure Häusermeer
Der Großstadt war in Qualm getaucht -

Da blühte rein,
Umsponnen von dem Sternenflor,
In unser graues Großstadtsein
Die Pracht der Winternacht empor.

Alfons Petzold (1882-1923)
Aus der Sammlung Das hohe Leuchten



Freitag, 23. Februar 2018

vorübergehend







vorübergehend -
mein Schatten löscht
das Glitzern im Gras*




(in passing / my shadow extinguishes / the glittering in the grass)
 
 Angelica Seithe
 
 
 
 
*(Erstveröffentlichung: VerSuch, Febr. 2014)
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Foto: © Marion Heidemann-Grimm / pixelio.de




Donnerstag, 22. Februar 2018

Wenn auch





Wenn auch das Herz übersprudelt -
wie tief sind die Wasser der Tiefe!
Schweigende Gedanken sind tiefer als lärmende Worte.*




(Even if the heart overflows - / how deep are the waters of the deep! / Silent thoughts are deeper than noisy words.)

Sei Shōnagon (ca. 966-ca. 1025)




*(Aus: Das Kopfkissenbuch, Jos. C. Huber KG, Diessen vor München, 1951, Seite 77)
(Übersetzung: Silvia Kempen)
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tiefes Wasser
seine Gedanken sickern
mir ins Herz

Silvia Kempen




Mittwoch, 21. Februar 2018

Kalte Felskante





Kalte Felskante.
Eine Feder vom vorbei-
ziehenden Falken.





(Cold edge of the cliff. / A feather from a falcon / passing by)

Beate Conrad




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Foto: © günther gumhold / pixelio.de




Dienstag, 20. Februar 2018

Februarschneesturm





Februarschneesturm -
wie er wild übers Land rast
bös, zubeißend, weiß





(February snow-storm / chasing wild across the land, / beastly biting, white)

Horst Ludwig




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So wild im Sturm die Lebensreise

So wild im Sturm die Lebensreise
Hinflutet sonder Ruh' und Rast,
Manchmal erklingen hör' ich's leise:
Du hast mich nie im Ernst gehaßt.
Die Menschen nur so klug und weise,
Sie löschen gern, was heilig brennt.
Manchmal erklingen hör' ich's leise:
Wir sind von Fremden nur getrennt.
Und trägt ein Traum im Strahlengleise
Die Seele hoch, vom Gram betrübt,
Manchmal erklingen hör' ich's leise:
Du hast mich dennoch still geliebt.

Ferdinand Groß (1812 - 1885)
Bürgermeister von Lahr und Mitherausgeber des Lahrer Wochenblatts
 
 
 
 

Montag, 19. Februar 2018

Winternebel





Winternebel
in ihrem Schulheft
tausend Herzen





(winter fog / in her exercise book / a thousand hearts)

Silvia Kempen




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Foto: © Rosel Eckstein / pixelio.de




Sonntag, 18. Februar 2018

Lärchenzweige





Lärchenzweige -
unter jeder Meise eine
Schneeschleuder





(larch branches - / under every chickadee / a snow catapult)

 Valeria Barouch




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Die Meise

Auguste, wie fast jede Nichte,
Weiß wenig von Naturgeschichte.
Zu bilden sie in diesem Fache,
Ist für den Onkel Ehrensache.
»Auguste«, sprach er, »glaub es mir,
Die Meise ist ein nettes Tier.
Gar zierlich ist ihr Leibesbau,
Auch ist sie schwarz, weiß, gelb und blau.
Hell flötet sie und klettert munter
Am Strauch kopfüber und kopfunter.
Das härtste Korn verschmäht sie nicht,
Sie hämmert, bis die Schale bricht.
Mohnköpfen bohrt sie mit Verstand
Ein Löchlein in den Unterrand,
Weil dann die Sämerei gelind
Von selbst in ihren Schnabel rinnt.
Nicht immer liebt man Fastenspeisen,
Der Grundsatz gilt auch für die Meisen.
Sie gucken scharf in alle Ritzen,
Wo fette Käferlarven sitzen,
Und fangen sonst noch Myriaden
Insekten, die dem Menschen schaden;
Und hieran siehst du außerdem,
Wie weise das Natursystem.« -
So zeigt’ er, wie die Sache lag.
Es war kurz vor Martinitag.
Wer da vernünftig ist und kann’s
Sich leisten, kauft sich eine Gans.
Auch an des Onkels Außengiebel
Hing eine solche, die nicht übel,
Um, nackt im Freien aufgehangen,
Die rechte Reife zu erlangen.
Auf diesen Braten freute sich
Der Onkel sehr und namentlich
Vor allem auf die braune Haut,
Obgleich er sie nur schwer verdaut.
Martini kam, doch kein Arom
Von Braten spürt’ der gute Ohm.
Statt dessen trat voll Ungestüm
Die Nichte ein und zeigte ihm
Die Gans, die kaum noch Gans zu nennen,
Ein Scheusal, nicht zum Wiederkennen,
Zernagt beinah bis auf die Knochen.
Kein Zweifel war, wer dies verbrochen,
Denn deutlich lehrt der Augenschein,
Es konnten nur die Meisen sein.
Also, ade, du braune Kruste! -
»Ja, lieber Onkel«, sprach Auguste,
Die gern, nach weiblicher Manier,
Bei einem Irrtum ihn ertappt:
»Die Meise ist ein nettes Tier.
Da hast du wieder recht gehabt.«

Wilhelm Busch (1832-1908)