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Donnerstag, 31. Mai 2018

Pausenzeichen





Pausenzeichen
wir nehmen
ein Waldbad





(sign for break / we take / a forest bath)

Gabriele Hartmann




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Das Bad

Hier badete Amor sich heute
Der Unvorsichtge entschlief
Da kamen die Nymphen voll Freude
Und tauchten die Fackel ihm tief
Ins Quellchen, da mischten sich Wellen
Und Liebe; sie täuschten sich sehr
Die Nymphen, sie tranken mit hellem
Gewässer die Liebe nur mehr.
O! Mädchen, die Liebe nicht scheuen,
Die trinken die liebliche Flut.
Die Liebe, die wird sie erfreuen
Mit sanfter entzückender Glut.
Ich hab mich hier oftmals gebadet
Mit meiner Laura allein,
Und nach dem Bade so ladet
Der Schlummer im Grase uns ein.

Novalis (1772-1801)



Mittwoch, 30. Mai 2018

ziehende Wolken





ziehende Wolken
ein Kutter kippt
über den Horizont





(pulling clouds / a fishing cutter tilts / over the horizon)

Georges Hartmann




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Rike / pixelio.de



Dienstag, 29. Mai 2018

Wonnemonat





Wonnemonat
die Sonne streut Gold
über die Wiesen





(Merry month / the sun is scattering gold / over the meadows)

Brigitte ten Brink



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Ilona / pixelio.de 




Montag, 28. Mai 2018

Bei frühem Glockenschlag





Bei frühem Glockenschlag
Einzug der Mönche
im Schweigen






(Early chime / Entry of the monks / in silence)

Ruth Wellbrock





*(Erstveröffentlichung: Momentaufnahmen in Sprache, Geest-Verlag 2015)
(Übersetzung: Silvia Kempen)

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Beim Glockenschlag

Wiederum ein Augenblick
Meiner kurzen Zeit zurück —
Treuer Freund, ich danke.
Halte mich auch diese Stund
Fest in sanftem, stillem Grund,
Hilf, dass ich nicht wanke.

Flüchtig, nichtig ist die Zeit,
Wichtig, weil’s ein Gnaden-Heut,
Drin dein Herz noch offen,
Drin man lieben, leiden kann,
Stündlich fortgehn himmelan:
Da ist’s, was wir hoffen.

Gerhard Tersteegen (1697-1769)
Aus der Sammlung Verborgene Blümlein




Sonntag, 27. Mai 2018

neben dem Sportplatz





neben dem Sportplatz
ein Tulpenfeld eröffnet
das Farbenspiel





(next to the sports field / a tulip field starts / the play of colors)

Ruth Karoline Mieger





(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © ReinholdG. / pixelio.de




Samstag, 26. Mai 2018

Hundewiese





Hundewiese
die Maiglöckchen
duften





(field for dog-walking / the lily of the valley / are scenting pleasant)

Birgit Heid



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Blume und Duft

In Frühlings Heiligtume,
Wenn dir ein Duft an’s Tiefste rührt,
Da suche nicht die Blume,
Der ihn ein Hauch entführt.

Der Duft läßt Ew’ges ahnen,
Von unbegrenztem Leben voll;
Die Blume kann nur mahnen,
Wie schnell sie welken soll.

Friedrich Hebbel (1813-1863)
 
 
 
 

Freitag, 25. Mai 2018

Maiennacht





Maiennacht -
der junge Flieder
noch ohne Duft





(May night - / the young lilacs / still without fragrance)

Gerd Börner


 
(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © günther gumhold / pixelio.de




Donnerstag, 24. Mai 2018

ein altes kreuz





ein altes kreuz
und wilde narzissen ──
armenfriedhof *





(an old cross / and wild daffodils -- / paupers’ field) **

Helga Stania


*(Erstveröffentlichung: Haiku heute, Ausgabe Juni 2016)
**(Erstveröffentlichung:Asahi, 15. April 2016)
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Armenfriedhof.

Ein stiller Friedhof hinter Schwarzdornhecken –
das moosbedeckte Heiligenbild von Stein
seitlich am Weg und die verfallnen Gräber
sanft überstrahlt vom Abendsonnenschein.

Wo Gras und Unkraut üppig überwuchern
ein altes Grab, verwittert und verweht,
hebt sich ein Kreuz empor, auf dessen Fläche
ein wunderlicher Spruch geschrieben steht:

„Hier ruht in Frieden meine arme Seele –
getreulich gab die Not mir das Geleit
bis an mein Grab – dann schlich sie weinend weiter
und überließ mich der Vergessenheit.

Mich schmerzt nun nichts mehr – nicht, dass auf der Erde
von allen Menschen keiner mich vermisst;
und könnt ich klagen, wär es um das eine,
dass ich nicht weiß, wie süß mein Schlummer ist.“

Du stilles Herz – o wie ich dich beneide
um diesen Schlaf, den nur der Tod verleiht!
Unsichtbar schwebt um den vergessnen Hügel
der lichte Engel der Barmherzigkeit . . .

Leon Vandersee (Pseudonym von Helene Tiedemann, ?-1907)
Aus der Sammlung Requiem



Mittwoch, 23. Mai 2018

altes Gehöft





altes Gehöft
der Hühnerhof übersät
mit gelben Lilien




(old farmstead / the chicken yard strewn / with yellow lilies)

Ramona Linke
 
 
 
 
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Foto: © tirot / pixelio.de




Dienstag, 22. Mai 2018

ein Fenster öffnen




ein Fenster öffnen ...
das Wechselspiel
von Sonne und Klavier




(open a window ... / the interplay / of sun and piano)

Horst-Oliver Buchholz




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Am Klavier

Spiel was von Mozart! Ich liebe dich sehr:
Spiel was von Mozart! Dann lieb' ich dich mehr!
Mädchen, von Mozartwohlklang umflossen:
Alle Schönheit liegt drinnen verschlossen.

Ich seh' auf den Tasten den hüpfenden Reigen
Schlanker Finger sich tummeln und neigen,
Zehn Finger hüpfen im wirbelsichern,
Jubelnden Tanz und die Töne kichern.

Das strömt so hell aus den Saiten heraus,
Wie Kinder aus einem dunklen Haus,
Ist rein und klar, wie Frühlingslüfte,
Und süß und innig, wie Frühlingsdüfte.

Da wird der Wohllaut zur Farbe und glitzt
Und schimmert und flimmert und leuchtet und blitzt!
Fünfhundert Falter mit funkelndem Glanze
Schweben um dich in sprühendem Tanze!

Singende Falter! Du Zauberin du,
Selig schau' ich dem Märchen zu,
Und mein klingendes Herz auf Falterschwingen
Wiegt sich inmitten den Schmetterlingen...

Hugo Salus (1866-1929
Aus der Sammlung Die Blumenschale




Montag, 21. Mai 2018

Pfingstmontag





Pfingstmontag
das frische Birkengrün welkt
am Fahrrad




(Whit Monday / the fresh birch green wilts / on the bike)

Silvia Kempen




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Foto: © Löwenzahn / pixelio.de




Sonntag, 20. Mai 2018

Royale Hochzeit





Royale Hochzeit
das Vogelkonzert am Morgen
lauter als sonst




(Royal wedding / the bird concert in the morning / louder than usual)

Marita Bagdahn



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Vogelhochzeit

Ein Vogel wollte Hochzeit halten
in dem grünen Walde.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der Stieglitz war der Bräutigam,
er singt zu Gottes Gloriam.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Die Amsel war die Braute,
trug einen Kranz von Raute.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der Sperber, der Sperber,
der war der Hochzeitswerber.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der Stare, der Stare,
der flocht der Braut die Haare.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Die Lerche, die Lerche,
die führt’ die Braut zur Kerche.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der Auerhahn, der Auerhahn,
der war der würd’ge Herr Kaplan.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Die Meise, die Meise,
die sang das Kyrieleise.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der schwarze Rab’, das war der Koch,
das sieht man an dem Kleide doch.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der grüne Specht, der grüne Specht,
der war des K¨uchenmeisters Knecht.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Die Elster, die ist schwarz und weiß,
die bracht’ der Braut die Hochzeitsspeis’.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der Wiedehopf, der Wiedehopf,
der brachte gleich den Suppentopf.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Die Schnepfe, die Schnepfe
setzt’ auf den Tisch die Näpfe.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Die Finken, die Finken,
die gab’n der Braut zu trinken.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der Storch mit seinem Schnabel,
der brachte Messer und Gabel.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Die Puten, die Puten,
die machten breite Schnuten.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Die Gänse und die Anten,
die war’n die Musikanten.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der Pfau mit seinem bunten Schwanz
tat mit der Braut den ersten Tanz.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Frau Nachtigall, Frau Nachtigall,
die sang mit ihrem schönsten Schall.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Die Greife, die Greife,
die spielten auf der Pfeife.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der Seidenschwanz, der Seidenschwanz,
der singt das Lied vom Jungfernkranz.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der Kucku’, der Kucku’,
der spielt’ die Laut’ und sang dazu.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der Geier, der Geier,
der spielte auf der Leier.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der Papagei, der Papagei,
der machte drob ein groß’ Geschrei.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Die Taube, die Taube,
die bracht’ der Braut die Haube.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Brautmutter war die Eule,
nahm Abschied mit Geheule.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Das Finkelein, das Finkelein,
das führt’ das Paar zur Kammer rein.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der Uhu, der Uhu,
der schlug die Fensterläden zu.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Die Fledermaus, die Fledermaus,
die zog der Braut die Strümpfe aus.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Der Hahn, der krähet: ”Gute Nacht!“
Jetzt wird die Kammer zugemacht.
Fide rallala, fide rallala, fide rallalalala.

Autor unbekannt



Samstag, 19. Mai 2018

Dosentelefon







Dosentelefon
die Bastelanleitung
online



 (tin can phone / the tinker instruction / online)


Eva Limbach




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Foto: © Hans Peter Dehn / pixelio.de





Freitag, 18. Mai 2018

erste Knospen




erste Knospen
Don Juans Haare
wieder schwarz




(first buds / Don Giovanni's hair / black again)

Diana Michel-Erne



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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DON JUAN

Hab ich nicht stets eure Seele gesucht,
die ihr mich gierig und grausam wähntet:
Hab ich euch nicht, so tief ihr mir flucht,
nur das gegeben, was ihr ersehntet?

Euch aber ward es so wenig bewußt,
daß mich durch Rausch und durch jagende Lust
immer nur Sehnsucht trieb nach der Einen,
die mich hätte zu segnen gewußt.

So bin ich mit vielen zu kurzem Verbleib
auf der Brücke des Bluts zusammengekommen:
Habe gegeben und habe genommen,
war berauscht und betört und beklommen
im Taumel mit Weibern, in Durst nach dem Weib.

Aber die Eine, die Reine, die Tiefe
war nur in einsamsten Nächten mein,
wenn angstvoll ich horchte, ob alles schon schliefe,
daß man nicht höre, wie heilig es riefe.
Josef Weinheber (1892-1945)




Donnerstag, 17. Mai 2018

Apfelblüte





Apfelblüte
Konfetti-Regen
von den Bäumen




(apple blossom / confetti rain / from the trees)
Georges Hartmann
 
 
 
(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: pixabay





Mittwoch, 16. Mai 2018

Maiglöckchen





Maiglöckchen
blühen
auf der Serviette




(lily of the valley / flowering / on the napkin)

Rosemarie Schuldes




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Maiglöckchen

Ihr Glöcklein, wie klingt ihr so lieblich!
Ihr Blümlein, wie blüht ihr so schön!
Es dringt euer Klang mir zum Herzen,
Ich kann eure Sprache verstehn.

Es scheint euer Klingen und Singen
Mir lauterer Liebe Ton;
Ich möcht’ meinen Dank euch bringen,
Und schuldigen Minnelohn.

So will ich, ihr Blümlein, euch pflücken,
Und senden zum Liebchen euch hin;
Sie wird an den Busen euch drücken
Mit treuem und fröhlichem Sinn.

Dann müsset ihr schöner erblühen
Und bringen den herzlichsten Gruß;
Es werden die Wangen ihr glühen,
Sie lohnt euch im feurigen Kuss.

Dann Glöcklein! dann klingt ihr so lieblich,
O Blümlein, dann blüht ihr so schön!
Es dringt euer Klang ihr zum Herzen,
Sie kann eure Sprache verstehn!

Arthur Lutze (1813-1870)




Dienstag, 15. Mai 2018

im fremden Land






im fremden Land
in fremden Bäumen
fremder Gesang






(in a foreign country / in foreign trees / foreign songs)

Klaus-Dieter Wirth




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Foto: © S. Hofschlaeger / pixelio.de




Montag, 14. Mai 2018

maimorgen




maimorgen   die schwere der wörter*




(May morning   the weight of words)

Bernadette Duncan




*(Erstveröffentlichung: Haiku-heute, Ausgabe Juni 2012)
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Maimorgen

So mag sich wieder blinde Nacht
zum reinsten Morgen klären,
sich Lebensglück aus Lebensmacht
in neuem Glanz gebären.

Der Nebel flieht, als ob er Ried
und Wald auf ewig flöhe,
und meine Seele ist das Lied
der Lerchen in der Höhe.

Christian Morgenstern (1871-1914)
Aus der Sammlung Ein Sommer




Sonntag, 13. Mai 2018

Apfelblüte





Apfelblüte
Zeitkräfte summen
im Akkord





(apple blossom / temp workers hum / in the chord)

Friedrich Winzer



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © uschi dreiucker / pixelio.de




Samstag, 12. Mai 2018

Liebeslieder




Liebeslieder
unterm Schlafbaum einer Elster
der alte Kater




(love songs / under the sleeping tree of a magpie / the old tom-cat)

Angelika Holweger


 
(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Liebeslieder

Es singt ein Vogel Nächte lang
Von nichts als Lieb und Sehnen;
Die Sterne hören den Gesang
Und weinen helle Thränen.

Den Blütenknospen an dem Baum'
Will's schier den Busen spalten,
Sie können die Gedanken kaum
Noch länger an sich halten.

Und wenn sie, an des Morgens Pracht
Aufblüh'n und Düfte hauchen,
So stehen ihnen von der Nacht
Noch Tropfen in den Augen.

Du bist der Stern, der oben flimmert,
Ich bin im Thalesgrund der Quell:
So lang dein Auge Liebe schimmert,
So lang ist meine Seele hell.

Und daß sich nie die Quelle trübe
Und nie umfängt mein Herz die Nacht,
Bewahr' mir, Mädchen, deine Liebe,
Die mich allein nur glücklich macht!

Diesseits der Straße liegt mein Stübchen,
Jenseits der Straße wohnest du;
Im Geiste bist du längst mein Liebchen,
Käm's doch in Wahrheit auch dazu!

Ich hätte dir so viel zu sagen,
Und kann dich nur am Fenster seh'n;
Laß meine Blicke Brücken schlagen
Und meine Seele drüber geh'n!

Doch weil sich mir noch Zweifel hegen
Ob ich willkommen werde sein,
So komm' mir halben Wegs entgegen
Und sprich mir Mut und Hoffnung ein.

Mein Busen ist ein Kirchelein,
Mein Herz der Hochaltar darein,
Und das Altarblatt, hehr und mild,
Das ist dein lieb Marienbild.

Und meine Seele kommt heran,
Als frommer Pilger angethan,
Und vor dem Bilde sinkt sie hin
Und steht zur Gnadenkönigin.

O sah' mein Lieb durch's Fensterlein
Des Auges mir zur Kirch' hinein,
Und würde dort, am Hochaltar,
Den Pilger und das Bild gewahr!

Klinge, süßer Liebesschall,
In die Welt hinein!
Hört dich eine Nachtigall
Stimmt sie schmetternd ein.

Herz an Herz und Lied an Lied
Drängt es die Natur,
Was auf Erden einsam blüht,
Blüht zur Hälfte nur.

Liebe hier und Liebe dort
Naht sich zum Verein,
Und die Treue legt ein Wort
Bei dem Himmel ein.

Friedrich Stoltze (1816-1891)
Aus der Sammlung Liebeslieder



Freitag, 11. Mai 2018

In Nachbars Garten




In Nachbars Garten -
Lagebesprechung im Kreis
der neuen Zwerge*




(In neighbor's garden - / briefing in the circle / of the new dwarfs)

Franz Kratochwil





*(Erstveröffentlichung: Klaviersonate, Mohland Verlag, 2010, Seite 100)
(Übersetzung: Silvia Kempen)

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Foto: © Sven Richter / pixelio.de



Donnerstag, 10. Mai 2018

Jenseits der Sonne





Jenseits der Sonne
jenseits von Α & Ω
Lecture on Nothing





(Beyond the sun / beyond Α & Ω / Lecture on Nothing)

Beate Conrad




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Diesseits - Jenseits

Diesseits das Ufer und der Strom,
Lichtgrün ein Rasen am klaren Strand.
Der hohe, strahlende Himmelsdom
Über Hügel und Wälder hingespannt.
Jenseits verhohlen und abgewandt,
Wie die schattenflüchtige Seele vom Leib,
Die fremde Küste – sie droht dir: Komm!
Und die Ufer des Lebens lachen: O bleib!

Diesseits eine unendliche Sicht.
Der selig empfangende Mutterschoss,
Geborgnes Keimen zum schäumenden Licht,
Ein Sonnendasein, ein Liebeslos –
Und dann hinüber auf schmalem Floss
Die unsichtbare Küste entlang,
Wo sich die Brandung lautlos bricht:
Ein irres Landen, ein dunkler Empfang.

Wir wandeln hoffend und unbedacht,
Wir gleiten hinauf, hinab.
Bei Tag, wenn die Sonne über dir wacht,
Schwingst du den Wanderstab.
Doch steht ein ragender Grenzpfahl fernab,
Kreuzpfade wirr ringsum –
Der weist mit den Zeigern in die Nacht,
Da stockst du schaudernd und stumm.

Hedwig Lachmann (1865-1918)
Aus der Sammlung Gesammelte Gedichte

Mittwoch, 9. Mai 2018

Gartenarbeit





Gartenarbeit
das Gold der Forsythie
in seinen Augen




(gardening / the gold of forsythia / in his eyes)

Christa Beau



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © BirgitH / pixelio.de
 
 
 
 

Dienstag, 8. Mai 2018

ihr gesicht





ihr gesicht
hinter der spiegelung
fliegende felder




(her face / behind the reflection / flying fields)

Sonja Raab



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Durch die Felder musst du schweifen

Durch die Felder musst du schweifen,
Die im Sonnenstrahle prangen,
Durch die grünen Wälder streifen,
Ist dein Herz von Gram befangen;
Lass von Quellen, lass von Bächen
Über dich den Segen sprechen!

Nicht in deiner dumpfen Klause
Sitze mit des Schmerzes Geistern,
Herren werden sie im Hause,
Draußen wirst du sie bemeistern;
Draußen vor dem freien Glücke
Fliehn sie scheu und klein zurücke!

In der Lüfte Wellen tauche
Deine Brust, die kummerschwüle,
In des Himmels reinem Hauche
Deine heiße Stirne kühle;
Schau, allüberall liegt offen,
Wie gediegnes Gold, das Hoffen?

Wieder lernst du frohe Lieder,
Und mit menschlich schönem Triebe
Lernest du die Liebe wieder,
Ach, die längst vergessne Liebe;
Quellen, Bäume, Blumenkerzen
Reden dir von Menschenherzen!