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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Krähen im Schnee





Krähen im Schnee
ihr Federkleid
schwärzer




(crows in the snow / their plumage / blacker)

Susanne Effert




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Foto: © Eva  / pixelio.de




Mittwoch, 13. Dezember 2017

Die Nacht





Die Nacht
dampft ihre Kälte
in den Morgen




(The night / steams its coldness / into the morning)

Petra Klingl




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Kalte Nacht

Der Schnee auf den Bergen ist kindlich und heilig.
Er scheint mir des Flutens verzücktes Erschaudern.
Die flüchtigen Vögel berühren ihn eilig;
Ihr Ruhen auf Schnee ist ein fiebriges Zaudern.

Es darf bloß der Mond solche Reinheit betasten.
Mit silbernden Launen verziert er die Hänge.
Dort oben, wo eisbehaucht Mondseelen rasten,
Besinnt sich die Nacht alter Totengesänge.

Ich nahe euch nicht, o verhaltene Geister!
Ich mag den Vernunftturm am Gletscherrand bauen.
Von dort können Traumkäuzehen angstloser, dreister
Hinab auf Gespensterverschwörungen schauen.

Sie fliegen zu Fichten in nebelnden Furchen,
Zu Tauhauchen, die in den Windecken frieren,
Ins Dickicht zu mondtollen Finsternislurchen:
Zu plötzlichen eisgrellen Schneerätseltieren.

Theodor Däubler (1876-1934)
Aus der Sammlung Das Sternenkind
 
 
 
 

Dienstag, 12. Dezember 2017

Schneemann





Schneemann
beim ersten Sonnenschein
fängt an zu laufen





(snowman / at the first sunshine / starts to run)

Ruth Wellbrock




*(Erstveröffentlichung: Momentaufnahmen in Sprache, Geest-Verlag 2015)
(Übersetzung: Silvia Kempen)

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Foto: © Gabriele genannt Gabi Schoenemann / pixelio.de




Montag, 11. Dezember 2017

erster Schnee





erster Schnee -
der Widerstand grüner Flecken
unterm Kastanienbaum




(first snow - / the resistance of grassy patches / under the chestnut tree)

Valeria Barouch




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Erster Schnee

Es ist ein traumhaft Wandern
Im ersten reinen Schnee,
Kein Baum spricht mit dem andern,
In dir nicht Lust noch Weh.

Doch geht mit dir verstohlen
In Flocken leis und lind
Auf zagen Zehn und Sohlen
Ein längst gestorbnes Kind.

Ein Kind im Grabgewande
Und doch dir lieb und traut,
Als ob im Frühlingslande
Ihr wonnig euch geschaut.

Als ob dich einst im Lenzen
Sein Lächeln still entzückt,
Du mit der Kindheit Kränzen
Die Stirn ihm einst umschmückt.

Es sieht mit stummer Frage
Dir forschend ins Gesicht.
Dich grüßt die Jugendsage —
Nur sprechen kannst du nicht!

Leis löscht vor ihren Blicken
Wie Traum aus grauer Nacht,
Was jemals an Geschicken
Dir Tag und Jahr gebracht.

Du kennst nicht mehr die Scheide
Von Leiden oder Lust,
Einträchtig ruhen beide
Im Frieden deiner Brust.

Laß schlafen eins beim andern,
Die Freude wie das Weh!
Es ist ein traumhaft Wandern
Im reinen ersten Schnee.

 
 
 
 

Sonntag, 10. Dezember 2017

Balkonschmuck





Balkonschmuck
in einer Weihnachtskugel
Mondlichtsplitter





(balcony jewelry / in a christmas bauble / moonlight splinter)

Christa Beau




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Claudia Hautumm / pixelio.de




Samstag, 9. Dezember 2017

Schneefall




Schneefall
ihm schaue ich zu an diesem Tag
wunschlos*





(snowfall / I'm watching him on this day / wantless)
Gerda Förster




*(Erstveröffentlichung: Haiku heute, Ausgabe März 2012)
(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Glücklich ist, wer...

Glüklich ist, wer froh empfindet
Wahre Herzensfreudigkeit,
Wer in seinem Wandel findet
Trost für unglückschwere Zeit.

Glücklich ist, wem es beschieden,
Ganz zu fassen Freud´und Schmerz,
Durch das schönste Glück hienieden;
Durch ein freies, reines Herz.

Glücklich ist, wem es gegeben,
Recht zu handeln immerzu,
Er fühlt selbst bie dürft´gem Leben
Wahren Reichtum - Seelenruh´!
 
 
 
 

Freitag, 8. Dezember 2017

Hochwasser







Hochwasser -
der Wind treibt das Funkeln
bis unter die Weiden




(Flood - / the wind drifts the sparkle / under the pastures)

Gerd Börner




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © M. Großmann / pixelio.de




Donnerstag, 7. Dezember 2017

Weihnachtsstern





Weihnachtsstern
zu Hause
einen Platz suchen




(Christmas star / at home / looking for a place)

Friedrich Kelben




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Ich bin zu Hause!

Ich bin zu Hause? All das heiße Sehnen
Aus langen Wanderjahren ist gestillt.
Getrocknet düstrer Nächte stille Thränen,
Freundlich gelichtet meiner Zukunft Bild.
Ich höre Dich im Flüstertone sagen:
Komm an mein Herz und halte daran Rast
Von all dem schweren, das in Jugendtagen
Im Lebenskampf Du früh erlitten hast.
Tritt ein in unsrer Liebe stille Klause:
Du bist zu Hause!

So überschreit' ich die geweihte Stelle
Und Freudenthränen leuchten mir im Blick,
Das ist der Hort, der Heimat heilge Schwelle,
Die mir so früh geraubt ein rauh Geschick.
Reich mir die Hand, daß ich ins Leben schreite
Mit Dir verbunden, sonn'gen Angesichts,
Ob auch mein Schiff durch Sturm und Wellen gleite,
Wohlan, Du bist mein Schutz, ich fürchte nichts.
Ob wilder Sturm die Locken mir zerzause:
Ich bin zu Hause!

Aus der Sammlung Blumen am Wege



Mittwoch, 6. Dezember 2017

nusskekskrümel





nusskekskrümel -
nikolaus schüttelt
seinen bart




(nut biscuit crumbs - / saint nicholas shakes / his beard)

Sylvia Hagenbach




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Karl-Michael Soemer / pixelio.de




Dienstag, 5. Dezember 2017

erster Schnee





erster Schnee -
eine Falte mehr
im Gesicht




(first snow - / one more wrinkle / in the face )

Gérard Krebs




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Erster Schnee

Erster Schnee liegt auf den Bäumen,
Die noch jüngst so grün belaubt -
Erstes Weh liegt auf den Träumen,
Die noch jüngst an Glück geglaubt.

Erster Schnee ist bald verschwunden,
Wenn darauf die Sonne weilt -
Erstes Weh schlägt tiefe Wunden
Die kein Freudenstrahl mehr heilt.

Moritz Hartmann (1821-1872)
Aus der Sammlung Tagebuch



Montag, 4. Dezember 2017

an kahlen Birken







an kahlen Birken
klebt Sonnenlicht
schwingt lautlos mit




(on bare birches / swaying without a sound / sticky sunlight)

Klaus-Dieter Wirth




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Foto: © Petra Dirscherl / pixelio.de




Sonntag, 3. Dezember 2017

Dezemberkälte






Dezemberkälte -
die neue Hotpants verstaut
im Bettkasten




(december cold - / the new hot pants stowed / in the bed drawer)

Christa Beau



(Erstveröffentlichung:  Haiku-like, 10.12.13 prompt: Winterpause)
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Dezember

Der schönste Monat doch im Jahr
Bleibt der Dezember, das ist klar.
Was gibt es, das uns mehr erfreut,
als die geliebte Weihnachtszeit?

Die Klingel tönt: es glänzt der Baum,
die Kinder stehen wie im Traum . . .
O schöne Nacht, o sel`ge Nacht,
die uns den heiligen Christ gebracht!

Georg Bötticher (1849-1918)




Samstag, 2. Dezember 2017

eiskalte Nacht




eiskalte Nacht  
er zeigt mir die Sterne 
 im iPhone*



(ice cold night / he is showing me the stars / on his iPhone)

Simone K. Busch
 
 
 
 
*(Erstveröffentlichung: Sommergras Nr. 93, Juni 2011)
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Foto: © Elisabeth Patzal / pixelio.de




Freitag, 1. Dezember 2017

leises Gebet





leises Gebet
Perle für Perle
in die hohle Hand






(silent prayer / bead by bead / into the hollow of the hand)

Christof Blumentrath




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Perlen

Herz, wenn die Flut zerronnen
Hast du dir nichts gewonnen?

"Mir bleiben aus Schmerzen und Glück,
Mein Leben zu durchsonnen,
Gedanken gleich Perlen zurück."

Elisabeth Josephson (1861 - 1906)
Aus der Sammlung Perlen aus bitterer Flut




Donnerstag, 30. November 2017

Novemberabend





Novemberabend
im Schein der Stirnlampen
dampfende Jogger






(November evening / in the light of headlamps / steamy joggers)

Friedrich Winzer




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Anton Dr. Prestele / pixelio.de




Mittwoch, 29. November 2017

Tannhäuser





Tannhäuser
auf der Heimfahrt
Nebelfahnen




(Tannhäuser / on the way home / fog flags)

Birgit Heid




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Tannhäuser. 2.

Fällt der Geweihte
Vom schwindelnden Fels, –
Auf fängt ihn behende,
Mit weicher Umarmung,
Des atmenden Äthers
Freundliche Göttin,
Und an dem sieben-
Farbigen Schleier
Gleitet er sicher
Zum sicheren Grund.

Felix Dahn (1834-1912)
Aus der Sammlung Balladen, 3. Buch




Dienstag, 28. November 2017

Herbstnacht in Kyôto





Herbstnacht in Kyôto -
schöne glänzt der Mondenschein
auf mein Zuhause






(Fall night in Kyôto - / beautiful the glistening moon / above my far home)

Horst Ludwig




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Foto: © Fabian Voswinkel / pixelio.de




Montag, 27. November 2017

Federweisser






Federweisser --
above the mountain peaks
a swaying moon*





(Federweißer / über den Berggipfeln / ein schwankender Mond)

Ramona Linke



 
*(Erstveröffentlichung: 18. November 2016, Asahi Haikuist Network)
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Der Mond

Guten Abend, du Rundgesicht,
Hüter der weidenden Sterne,
Nächtlicher Langfinger Arbeitslicht,
Heimlicher Liebe Laterne!

Hast mir so oft zum Stelldichein
Still und verschwiegen geleuchtet,
Sahest mit himmlischer Milde drein,
Wenn ich dir reuig gebeichtet.

Habe an dir in Gram und Leid
Stets einen Tröster gefunden,
Oft auch bist du zur rechten Zeit
Hinter den Wolken verschwunden.

Gälte ich etwas bei dem, der thront
Über den rollenden Welten,
Wollt' ich dir gerne, du treuer Mond,
All' deine Dienste vergelten.

Über den Mond ein Lächeln ging,
Leise hat's mir geklungen:
Willst du mir danken, o Dichterling,
Lasse mich unbesungen.

Rudolf Baumbach (1840-1905)