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Montag, 6. Oktober 2014

Verloren






Verloren ...
die Kinder
am Rhein





(Lost ... / the children / on the Rhine)

Elke Bonacker



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Die verlorene Tochter

Es flogen drei Schwälbelein über den Rhein,
es starben dem König drei Töchterlein.

Die Erste starb bei dem Morgengeläut,
man grub ihre Grube zu Taueszeit.

Die Zweite starb am Nachtmittag,
man begrub sie beim vierten Glockenschlag.

Die Dritte, ein Kind im Jugendbraus,
sie lief mit einem Spielmann hinaus.

Wohl sieben Jahre nach der Tat
sie solche bitter bereuet hat.

"Ach, Spielmann, lasse erbitten dich,
ach spiele wieder nach Hause mich."

Der Spielmann spielte von Ort zu Ort,
bis daß sie kamen an Königs Pfort.

Und als sie am Tore langten an,
sie klopfte mit ihrem Goldringlein an:

"Wer ist da draußen, wer klopfet an,
wer kann mich Arme nicht schalfen lahn?"

"Es ist ein Mägdelein hübsch und fein,
sie möchte gern eure Dienstmagd sein."

"Das Mägdlein ist mir zu hübsch und fein,
es möchte mir freien mein Söhnelein."

Der Spielmann tat einen hohen Eid:
"Ich weiß, daß die Maid dein Söhnlein nit freit."

Die Mutter setzte sich auf die Bank
und dingte die Magd sieben Jahre lang.

Als nun vorbei die gedingte Zeit,
da wurde tödtlich krank die Maid.

"O Maid, wo sind deine Eltern zu Haus,
auf daß wir senden Boten hinaus?"

"Mein Vater ist ein König am Rhein,
ich hoffe, du wirst mir liebe Mutter sein."

"Wie kann ich deine Frau Mutter wohl sein,
du trägst ja kein Goldringelein."

"Hinter meinem Bette im Eichenschrein,
da liegt von Gold mein Ringelein."

Und als die Mutter den Schrein erschloß,
wohl manche Träne dem Auge entfloß.

"Ach Maid, warum hast du nicht eher bekannt,
in Sammt und Seide hätt ich dich gewandt!"

"Wohl Seide und Sammt sind viel zu fein,
sie heben mich nicht zum Himmel ein!"

"Ach Tochter, so kamst du die Magd mir herein,
mein süßestes Kind hättst können du sein!"

"Nun Mutter, so leite bei Nacht mich in’s Grab,
und schenke dein Mittleid mir nun hinab!"

Es dauerte nur drei Tagekaum,
lag Tochter und Mutter im Grabesraum.

Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio (1803-1869)