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Freitag, 3. Oktober 2014

Tropf, tropf, tropf






Tropf, tropf, tropf, ... —
draußen vor der Hütte
läuft die Zeit.







(Drop, drop, drop... — / outside my cabin / time's running.)

Beate Conrad



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Die Tropfen


Oft ist der Augenblick im Menschenleben
Für uns ein köstlich unschätzbares Gut,
Doch nur zu flüchtig, unaufhaltsam schweben
Sie schnell dahin, gleich rascher Wogen Flut.
Es sind die Tropfen in das Meer der Zeit,
Sie streuen Saaten für die Ewigkeit.

Ein Tropfen Lethe nur im Kelch des Lebens,
Und alles was wir je gefühlt, gedacht,
Das ruft der heiße Wunsch zurück vergebens,
Verfallen ist's dem dunklen Reich der Nacht.
Er hüllt die Freuden der Vergangenheit
In dichte Schleier der Vergessenheit.

Wenn theure Hand uns reichet ird'sche Gaben,
Wenn Geist und Witz uns liebe Gäste sind,
Freundschaft und Liebe Sitz und Stimme haben,
Das Glück mit seiner Gunst uns hold gesinnt,
Dann dünkt Ambrosia uns das Göttermahl,
Es füllen Necktartropfen den Pokal.

Wenn uns der Freude Bild mit zartem Glühen,
In duftendem Gewand des Lenzes Lust,
Wenn Rosen lieblich uns entgegen blühen,
Der reichen Anmuth selbst sich unbewußt,
Ein zarter Tropfen Thau im Kelch erscheint,
Das ist die Thräne, die ein Engel weint.

Ein Tropfen Wermuth in den Kelch der Freude,
Und schnell entschwunden sind uns Scherz und Lust,
Zertrümmert ist des Glückes stolz' Gebäude,
Nur Schmerz und bittres Leiden füllt die Brust.
Die Zeit allein mit ihrer Zauberkraft,
Ist's die dem wunden Herzen Lindrung schafft.

Doch ist ein Balsam noch dem Schmerz gegeben,
Der Tropfen köstlichster dem Aug' entquillt,
Wenn Täuschung, Reue, Pflicht, der Ernst im Leben,
Selbst wenn Erinnerung die Seele füllt;
Dann bringt der Thräne milder Himmelsthau
Uns Trost hernieder aus der Seel'gen Au'.

Natalie von Herder (1802-1871)