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Sonntag, 22. Mai 2016

frühlingsgewitter



frühlingsgewitter
mit dem regen rauschen
die gedanken fort





(spring thunderstorm / rushing away with the rain / the thoughts)

Peter Wißmann



(Übersetzung: Silvia Kempen)

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Frühlingsgewitter


Weißgekrönte Wolkenscharen
Zieh'n am Horizont zusammen,
Und Gewitterblitze fahren
Hin und her mit fahlen Flammen.

Aufgeregte Winde wallen
Durch der Bäume hohe Gipfel,
Schwere Regentropfen fallen
Rauschend nieder in die Wipfel.

Blütenwispen wirbelnd fliegen,
Dumpfer Donner grollt von ferne,
In den Schoß der Blätter schmiegen
Sich die kleinen Blumensterne.

Und die Sträucher rings im Garten
Schön geschmückt im Frühlingskleide,
Stehn im ängstlichen Erwarten
Zitternd, wie vor schwerem Leide,

Ueber ihnen eine prächtige
Eiche auf gen Himmel strebet;
Wie beneiden sie die Mächt'ge,
Die nicht wanket und nicht bebet.

Durch die Zweige fährts mit Brausen,
Blitze zucken, Dünner krachen,
Regenströme niedersausen
Sammelnd sich in breiten Lachen.

Eine Stunde, — und versunken
Ist im Norden das Gewitter.
Sonne streuet goldne Funken
Durch der Zweige grünes Gitter.

Blumen, die sich schlossen bange,
Blühen auf zu schöner Wonne;
Noch ein Thränlein auf der Wange
Blicken lächelnd sie zur Sonne.

Neu ersteht im grünen Reiche
Alles, was vorher gezittert;
Doch die hohe, stolze Eiche
Blitzgetroffen, liegt zersplittert.

So sehn wir im Kampf des Lebens,
Oft den Mächtigen unterliegen,
Während still bescheidnen Strebens
Schwache Kräfte herrlich siegen.

Hier wie dorten ohne Wanken,
Ewige Gesetze gelten.
Hocherhabene Gedanken
Sind's des Lenkers aller Welten.

Seine Allmacht laßt uns preisen!
Er kann bauen und zerschmettern.
Welch' ein Mahnen, welch' Verheißen
Spricht aus seinen Frühlingswettern.

Stine Andresen
Aus der Sammlung Vermischte Gedichte