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Samstag, 11. Juni 2016

ruhende Rinder






ruhende Rinder
im Schatten der alte Hirte
kaut stumm seinen Priem






(resting cattle / in the shade the old cowherd / chewing his quid)

Klaus-Dieter Wirth
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Der Hirte

Der Hirte in der Frühe saß
Dort auf dem Berge hoch,
Aus jeder Blüthe, jedem Gras
Er neue Sehnsucht fog.
Die Pflanzen blüh'n und rings so traut
Die Heerden ihn umzieh'n,
Nur aus dem Felsen grüßt kein Laut,
Kein traulich Wesen ihn.

Da faßt er ihn, den Felsen, an,
Und drückt ihn an die Brust,
Will wecken ihn in kühnem Wahn
Zur heitern Lebenslust.
"Ich fasse dich, ich liebe dich,
Du Geist in dem Gestein,
So komm heraus und lieb' auch mich,
Wir woll'n Gespielen sein."

Und wie er fest sich an ihn drückt,
Verlangend ihn umschließt,
Der Morgen sich, mit Licht geschmückt,
Rings auf die Berge gießt.
Das Licht berührt den Felsen kaum,
Ein Klang sich schon erhebt,
Der Hirte sinkt in süßen Traum,
Wie's in dem Felsen lebt.

"Was rufst du mich, was lockst du mich,
O Hirt', hinaus in's Licht?
Wohl jeden Morgen küßt er mich,
Der Strahl, ich folg' ihm nicht!
Dort wär' mein Leben freudenlos,
Ein loses Spiel der Luft;
Hier in der Erde festem Schooß
Athm' ich der Erze Duft.

"Das Gold in tiefen Schachten brennt,
Das Silber klingt so hell,
Komm in mein freundlich Element,
Du Hirte, komme schnell!
Palläste glüh'n von Demantstein
Tief in der Erde Herz,
Dort wirst du bald genesen sein
Von deiner Sehnsucht Schmerz."

Das Licht sich hinter Wolken barg,
Der Felsenruf verklang,
Dem Hirten schien die Welt ein Sarg,
So weit sein Auge drang.
Die Lämmer grasen früh und spät
Im heitern Sonnenlicht;
Der Hirt' als Fels am Felsen steht,
Der Hirte sieht sie nicht.

Wilhelm Genth (1803-1844)
Aus der Sammlung Romanzen und Lieder