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Sonntag, 7. Mai 2017

Cellosuite





Cellosuite –
die Figurprobleme
des Solisten




(Cello Suite – / the weight problems / of the soloist)

Tony Böhle




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Cello

Er neigt sich tief zum Saitenspiele nieder,
Das wie ein Kind ihm sanft das Knie berührt.
Er fühlt, indes er breit den Bogen führt:
Du gibst mir meine ganze Seele wieder.

Was in mir lebt, mein tiefgeheimstes Leben,
Was in mir zittert, was mein Herz erfüllt,
Willst du mir Alles, liebevoll enthüllt,
Und schluchzend, aber freudig, wiedergeben.

Und unter seinen Bogenstrichen beben
Die Saiten voll und, was sein Herz erfüllt,
Was sich verschämt dem Blicke sonst verhüllt,
In innigen Tönen wacht es auf zum Leben.

Verklungnes Spiel. Wer beugt sich zu ihm nieder?
Die Liebste: "Weh dem Spiel, das dich entführt!"
Nun hält er sie im Arm. Er fühlt gerührt:
Du gibst mir dein' und meine Seele wieder...

Hugo Salus (1866-1929)
Aus der Sammlung Neue Garben




Samstag, 6. Mai 2017

in der Porta Nigra







in der Porta Nigra
lausche
dem Monolog einer Taube




(Porta Nigra / eavesdropping / the monologue of a dove)

Ramona Linke




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Foto: ©  Ulla Trampert / pixelio.de





Freitag, 5. Mai 2017

Tulpenfeld





Tulpenfeld
das Kind in mir
will mitten hindurch






(field of tulips / the child in me / wants to go through it)

Christof Blumentrath




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Tulpen-Predigt

Fenster auf! Es hat der Frühling
Endlich wieder seine Zeit.
Alle Blumen müssen blühen,
Alle Vögel müssen singen,
Alle Mädchen müssen lieben,
Alle Herzen werden weit.

Mädchen mit den süßen Augen,
Komm, setz dich auf meinen Schoß!
Deine Hände muß ich küssen,
Deine Augen muß ich küssen,
Deine Lippen muß ich küssen,
Denn die Freude ist zu groß.

Sieh doch, Kind, die Tulpen haben
Ihre Kelche aufgemacht:
Rote, gelbe und gescheckte,
Tiefe Kelche voller Gluten,
Nichts als Schönheit, nichts als Liebe,
Eine ungeheure Pracht.

Kann denn irgend einer traurig
Unter diesen Flammen sein?
Sieh: das kam aus schwarzer Erde!
Denke: solche Flammen schlafen
Winters unter unsern Füßen!
Nur die Liebe schläft nie ein.

Glaube, Mädchen, an die Erde,
Weil sie voller Liebe ist.
Sind wir doch aus ihr geboren,
Wie die Blumen aus dem Beete.
Schlechtes Kind, das seiner Mutter
Wunderreichen Schoß vergißt.

Laß die Blinden ihre Augen
In das Himmlische verdrehn.
Du, bewußtes Kind der Erde,
Reich wie sie an Saft und Kräften,
Wohlgetane, Starke, Schöne,
Du sollst in die Blumen sehn.

Alles, was das reiche Leben
Dir bestimmt hat, Mädchen, ruht
Auch in diesen Glutenkelchen,
Und es meint's die Mutter Erde
Mit den liebetreuen Kindern
Immer, Mädchen, immer gut.

Liebe ist das Wort der Worte,
Liebe ist des Lebens Wort;
Weißt du das in deinem Herzen,
Weißt du das in deinen Sinnen,
Dann kann nichts dich überwinden,
Deine Mutter hilft dir fort.

Lacht mein Mädchen? Lache, lache,
Liebes Mädchen, lach mich aus!
Weiser ist dein klares Lachen
Als mein Predigen und Dichten,
Schöner ist dein liebes Lachen
Als ein ganzer Tulpenstrauß.

Einen Kuß! Dann in den Garten,
In die Flammen gelb und rot!
Dankbar treue Erdenkinder
Wollen wir den Tag genießen:
Liebe unser einzger Glaube,
Schönheit unser täglich Brot.

Otto Julius Bierbaum (1865-1910)
Aus der Sammlung Frühling
 
 
 
 

Donnerstag, 4. Mai 2017

Vereinsversammlung






Vereinsversammlung
der Forsythienzweig trägt
dreiundzwanzig Blüten




(association meeting / the forsythia branche bears / twenty-three blossoms)

Marita Bagdahn



 
(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: ©  schneiderlein2808 / pixelio.de




Mittwoch, 3. Mai 2017

vor dem spiegel





vor dem spiegel
strohhut und hidschab
kichern




(in front of the mirror / straw hat and hijab / giggle)

Rosemarie Schuldes




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Dein Lachen

Es leuchtet aus der Dämmerung
Der Abendsonnenschein,
Rotkelchen singt sein Silberlied,
Mir fällt dein Lachen ein.

Dein Lachen, das so silbern perlt,
So hell und klar und rein,
Rotkelchen singt sein Silberlied
Beim Abendsonnenschein.

Hermann Löns (1866-1914)
 
 
 
 

Dienstag, 2. Mai 2017

frühe tulpen





frühe tulpen
vor dem öffnen ... gespitzt
ihre lippen





(early tulips / before opening ... pointed / her lips)

Heike Stehr




(Erstveröffentlichung: Haiku heute, Ausgabe Juni 2009)
(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Heike Stehr




Montag, 1. Mai 2017

maibirken





maibirken
mit tanzschuhen
zwei herzen in den staub





(may-birches / with dancing shoes / two hearts into the dust)

Birgit Schaldach-Helmlechner




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Mai

Die Kränze, die du dir als Kind gebunden,
Sie sind verwelkt und längst zu Staub verschwunden;
Doch blühn wie damals noch Jasmin und Flieder,
Und Kinder binden deine Kränze wieder.

Theodor Storm (1817-1888)