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Samstag, 24. Juni 2017

am Fluss entlang





am Fluss entlang
mein Schatten
bleibt mir treu





(along the river / my shadow / remains true to me)

Cezar-Florin Ciobîcă




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Treue

Ihr müßt dies Herz nicht schelten,
Das sich so schwer ergiebt,
Könnt' schneller es gesunden,
Dann hätt' es nie geliebt.

Es gliche dann sein Fühlen
Ja nur dem Morgenthau,
Den eine Sonnenstunde
Hinwegküßt von der Au.

Dann wär' es wie die Welle,
So leicht und schnell erregt,
Und wie der Sommerfaden,
Den jeder Hauch bewegt.

Doch ach! es gleicht dem Felsen,
Der sich nicht beugen läßt;
Wie er am Schooß der Erde,
Hält es sein Fühlen fest.

Weil man darauf kann bauen,
Wie auf den Felsengrund,
Weil es ein Starkes, Festes,
Wird es so schwer gesund!

Marie Luise Büchner (1821-1877)
Aus der Sammlung Spätere Tage




Freitag, 23. Juni 2017

Nachtigall






Nachtigall
dem Käfig entkommt
ihr Gesang*




(nightingale / from the cage escapes / her singing)

Elèonore Nickolay




*(Estveröffentlichung: Haiku heute, Ausgabe Juni 2016)
(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Nachtigall

O Nachtigall,
dein süßer Schall,
er dringet mir durch Mark und Bein.
Nein, trauter Vogel, nein!
was in mir schafft so süße Pein,
das ist nicht dein,
das ist von andern, himmelschönen,
nun längst für mich verklungenen Tönen
in deinem Lied ein leiser Widerhall!

Christian Reinhold Köstlin (1813-1856)




Donnerstag, 22. Juni 2017

Auf der Terrasse





Auf der Terrasse
die Nachbarin trinkt Tee
mit ihrem Schatten




(On the patio / the neighbor is drinking tea / with her shadow)

Marita Bagdahn




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Michael Grabscheit / pixelio.de




Mittwoch, 21. Juni 2017

Sommersonnwende





Sommersonnwende
es ist an der Zeit
zu blühen




(summer solstice / it's about time / to bloom)

Eva Limbach




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Sonnenwende

Nun die Sonne soll vollenden
Ihre längste, schönste Bahn,
Wie sie zögert, sich zu wenden
Nach dem stillen Ozean!
Ihrer Göttin Jugendneige
Fühlt die ahnende Natur,
Und mir dünkt, bedeutsam schweige
Rings die abendliche Flur.

Nur die Wachtel, die sonst immer
Frühe schmälend weckt den Tag,
Schlägt dem überwachten Schimmer
Jetzt noch einen Weckeschlag;
Und die Lerche steigt im Singen
Hochauf aus dem duft'gen Tal,
Einen Blick noch zu erschwingen
In den schon versunknen Strahl.

Ludwig Uhland (1787-1862)
Aus der Sammlung Lieder




Dienstag, 20. Juni 2017

Wildkirschen






Wildkirschen
einer Vorwelt
helle Stille





(wild cherries / a former world's / bright silence)

Helga Stania



(Erstveröffentlichung: Chrysanthemum im Dezember 2014)
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Juni - In den Kirschen

Schwellende Kirschen
Strotzend vom Saft,
Fröhliche Wangen
Blühend in Kraft!
Rötet die Kirsche sich,
Bald ist’s getan;
Bräunt sich die Wange,
Fängt’s Leben recht an!

Robert Reinick (1805-1852)
Aus der Sammlung Der Jahreslauf im Kinderleben




Montag, 19. Juni 2017

Truppenübungsplatz





Truppenübungsplatz
die automatische Kamera fängt
einen Wolf




(parade ground / the automatic camera catches / a wolf)

Friedrich Kelben




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © B. Jechow / pixelio.de




Sonntag, 18. Juni 2017

Sommernachtsfuge






Sommernachtsfuge
das Prélude
vierhändig*




(summer night fugue / the prelude / four-handed)

Gerd Börner




*(Erstveröffentlichung: offene Ferne, Kurzlyrik und Kurzprosa, IDEEDITION Berlin, 2008)
(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Die Lieder

Wie bunte Blumen sind die frischen Lieder,
Vom Sonnenblick des Lebens neu erregt,
Und trocknen Blumen gleichen sie dann wieder,
Die man, ein holdes Mal, in's Buch gelegt;
Ein Himmel von Erinnerung steigt nieder,
Wenn man die Blätter von einander schlägt;
So sind die Lieder auch — sie geben Kunde
Von schöner oder schmerzlich süßer Stunde.

Eduard von Bauernfeld (1802-1890)
Aus der Sammlung Aus der Jugend