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Dienstag, 8. Mai 2018

ihr gesicht





ihr gesicht
hinter der spiegelung
fliegende felder




(her face / behind the reflection / flying fields)

Sonja Raab



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Durch die Felder musst du schweifen

Durch die Felder musst du schweifen,
Die im Sonnenstrahle prangen,
Durch die grünen Wälder streifen,
Ist dein Herz von Gram befangen;
Lass von Quellen, lass von Bächen
Über dich den Segen sprechen!

Nicht in deiner dumpfen Klause
Sitze mit des Schmerzes Geistern,
Herren werden sie im Hause,
Draußen wirst du sie bemeistern;
Draußen vor dem freien Glücke
Fliehn sie scheu und klein zurücke!

In der Lüfte Wellen tauche
Deine Brust, die kummerschwüle,
In des Himmels reinem Hauche
Deine heiße Stirne kühle;
Schau, allüberall liegt offen,
Wie gediegnes Gold, das Hoffen?

Wieder lernst du frohe Lieder,
Und mit menschlich schönem Triebe
Lernest du die Liebe wieder,
Ach, die längst vergessne Liebe;
Quellen, Bäume, Blumenkerzen
Reden dir von Menschenherzen!





Montag, 7. Mai 2018

Pflaumenbaumhain





Pflaumenbaumhain
all diese Wintergesichter
erblühen





(plum grove / all these wintry faces / blossoming)

Simone K. Busch
 
 
 
 

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Foto: © Simone K. Busch




Sonntag, 6. Mai 2018

Morgendunst





Morgendunst
der Zitronenfalter
legt seine Spur





(early-morning haze / the lemon butterfly lays /  his track)

Christof Blumentrath



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Claudia Brefeld / pixelio.de




Samstag, 5. Mai 2018

Frühling





Frühling -
am Briefkasten sonnt sich
ein Zitronenfalter





(Spring - / sunbathing on the mailbox / a lemon butterfly)


Ellen Althaus-Rojas



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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(Zitronenfalter)

Du so schwebend über sonn'gen Hügeln
Falter hier mit den Citronenflügeln:

Sag, ob Du erkannt mich als Bekannten,
Vater, Gatten oder sonst Verwandten,

Daß du scheue Flamm' dich konnt'st erdreisten.
Magisch dreimal um mich her zu geistern?-

Kommst du her von höhern Regionen,
Wo die Frommen, wo die Sel'gen wohnen,

Um verwandelt so im Waldder Buchen
Mich und heil'ge Stätten aufzusuchen?

Christian Wagner (1835-1918)




Freitag, 4. Mai 2018

Im Krankenzimmer





Im Krankenzimmer
umringt von Teddybären
der alte Mann*






(In the hospital room / surrounded by teddy bears / the old man)

Marita Bagdahn


  
*(Erstveröffentlichung: Haiku heute, Ausgabe August 2014)
(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Das Alter

Ich seh' ein altes Angesicht,
Aus dem nur Leid und Kummer spricht.
Was freundlich war, das schwand dahin,
Und Bitterkeit nur blieb darin.
Es anzusehn macht trüb' und stumm,
Wer es erblickt, der kehrt sich um.
Verwandelt hat's die Zeit so sehr,
Von einst'gem Reiz nichts schmückt es mehr.
Wie grub darin der Gram sich ein,
Nichts blieb zurück vom Sonnenschein,
Nichts von des einst'gen Frühlings Pracht.
Wie häßlich doch das Alter macht!
Ich seh' ein altes Angesicht,
Das glänzt wie Herbstes Sonnenlicht,
So mild und klar, so still und gut,
Es anzusehn gibt Trost und Mut.
Zum Frieden ward verklärt das Leid,
Und Hoffnung blieb durch all die Zeit.
Und wie in Herbstes Sonnenstrahl
Lenzblumen blühn zum zweitenmal,
So glänzt auf diesem Antlitz auch,
Geweckt durch güt'gen Geistes Hauch,
Etwas hervor von Jugend noch,
Wie macht so schön das Alter doch!

Johannes Trojan (1837-1915)

Donnerstag, 3. Mai 2018

Am Stadtbrunnen






Fotohaiga: © Elke Bonacker




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Am Stadtbrunnen
fließt Wasser
von Schale zu Schale


(At the city fountain / water flows / from bowl to bowl)


Elke Bonacker



(Übersetzung: Silvia Kempen)



Mittwoch, 2. Mai 2018

alles was ist





alles was ist ...
blühende Bäume im Wind*



(all that is ... / flowering trees in the wind)
Gerda Förster



*(Erstveröffentlichung: Haiku heute, Ausgabe Mai 2013)
(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Blühende Bäume

Was singt in mir zu dieser Stund
Und öffnet singend mir den Mund,
Wo alle Äste schweigen
Und sich zur Erde neigen?

Was drängt aus Herzensgrunde
Wie Hörnerschall zutag
Zu dieser stillen Stunde,
Wo alles träumen mag
Und träumend schweigen mag?

An Ästen, die sich neigen,
Und braun und dunkel schweigen,
Springt auf die weiße Blütenpracht
Und lacht und leuchtet durch die Nacht
Und bricht der Bäume Schweigen,
Daß sie sich rauschend neigen
Und rauschend ihre Blütenpracht
Dem dunklen Grase zeigen!

So dringt zu dieser stillen Stund
Aus dunklem, tiefem Erdengrund
Ein Leuchten und ein Leben
Und öffnet singend mir den Mund
Und macht die Bäum erbeben,
Daß sie in lichter Blütenpracht
Sich rauschend wiegen in der Nacht!

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)
Aus der Sammlung Die Gedichte 1891-1898